Notstand! Theorie und Praxis im europäischen Spätmittelalter

Prof. Dr. Petra Schulte
Haupt-/Oberseminar
Dienstag: 12:00–14:00, digital

Die Beschäftigung mit dem „Notstand/Ausnahmezustand“ im europäischen Spätmittelalter erfolgt vor dem Hintergrund der Frage, ob es einen solchen in dieser Zeit überhaupt gegeben hat und führt unmittelbar zum Begriff der necessitas (Not, Notdurft oder Notwendigkeit). Dieser stand in der Schnittmenge von theologisch-philosophischen und juristi­schen Betrachtungen über die Bewältigung von Disruptionserfahrungen und wurde in seinem Alltagsgebrauch zugleich in einer eigenständigen, subjektiven Deutung verwendet. Drohte eine unvorhergesehene, bestandsgefährdende Situation oder war diese eingetreten, leitete die necessitas die unmittelbare Reaktion hierauf ein. Während die Tugendethik diesen Umstand im Umfeld der (inneren) Stärke (fortitudo) als eine begründete Abweichung von der Standhaftigkeit (constantia) diskutierte, erkannte die Jurisprudenz die necessitas als Argument an, um Recht zu abrogieren, zu verändern oder kurzfristig außer Kraft zu setzen und damit die individuelle Subsistenz bzw. den Fortbe­stand des Gemeinwesens zu gewährleisten. Im Hauptseminar werden wir uns diesen Phänomenen in Theorie und Praxis zuwenden und versuchen, auf die oben genannte Frage eine Antwort zu finden.