Nikolaus von Kues wurde 1401 als Sohn des Kaufmanns und Moselschiffers Johann Cryfftz (Krebs) und seiner Frau Katharina Roemer in Kues geboren. Obwohl ihn sein Weg als Student, erzbischöflicher Sekretär, päpstlicher Legat, Fürstbischof und Kardinal u. a. über Heidelberg, Padua, Köln, Trier, Basel, Konstantinopel, Brixen und Rom führte, blieb er seinem Geburtsort verbunden und stiftete 1458 dort das bis heute bestehende St. Nikolaus-Hospital. Gemeinsam mit dem Geburtshaus stellt das Hospital, dem Cusanus testamentarisch seine Bibliothek zur Verwahrung überließ, ein kulturelles Erbe von hohem Rang dar.

Leben

München, Geheimes Staatsarchiv, HS 12, fol. 6v

Nikolaus von Kues, der zu den wichtigsten Persönlichkeiten im Europa des 15. Jahrhunderts gehörte, verband seine intellektuellen Interessen mit einer Laufbahn in der Kirche. Nach dem Tod des Trierer Erzbischofs Otto von Ziegenhain († 1430), für den er als Sekretär tätig gewesen war, nahm Cusanus im so genannten Trierer Schisma Partei für Ulrich von Manderscheid († um 1436) und vertrat dessen Position auf dem Basler Konzil. Obwohl sich dieses gegen seinen Mandanten entschied, machte sich Nikolaus von Kues als Vertreter des Konziliarismus – einer Richtung, die die Autorität des Konzils über die des Papstes stellte – einen Namen. Später änderte er seine Haltung und wandte sich Papst Eugen IV. († 1447) zu. In päpstlichem Auftrag reiste er im August 1437 von Venedig nach Konstantinopel, um den byzantinischen Kaiser Johannes VIII. († 1448) und den Patriarchen von Konstantinopel Joseph II. († 1430) zu einem Unionskonzil nach Ferrara einzuladen und nach Italien zu begleiten. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Mission wurde Cusanus von Eugen IV. mit der Aufgabe betraut, in Deutschland für die Interessen des Papstes zu werben. Im Jahr 1448 ernannte ihn Papst Nikolaus V. († 1455) zum Kardinal und 1450 zum Fürstbischof von Brixen. Doch bevor Nikolaus von Kues 1452 sein Amt als Bischof antrat, setzte der Papst ihn als Legat für das Reich ein, um dort den Jubiläumsablass des Jahres 1450 zu verkünden und kirchliche Reformen durchzusetzen. In dieser Zeit entstand vermutlich eine der ersten Karten Mitteleuropas, die auf die Aufzeichnungen von Cusanus zurückgeht. Die folgenden Jahre im Bistum Brixen waren von zahlreichen Konflikten mit Herzog Sigismund von Tirol († 1496), dem Tiroler Adel und verschiedenen klösterlichen Gemeinschaften geprägt, die Cusanus nicht in seinem Sinne zu lösen vermochte. Die letzten Jahre verbrachte er unter Papst Pius II. († 1464) als Kardinal an der römischen Kurie. 1464 verstarb Nikolaus von Kues in Todi. Sein Leichnam wurde in seiner Titularkirche San Pietro in Vincoli in Rom beigesetzt, sein Herz in das St. Nikolaus-Hospital nach Kues überführt.

Ausschnitt aus einer Cusanus-Karte, Eichstätter Ausgabe 1491 (Foto: Dieter Hoffmann; © St. Nikolaus-Hospital/Cusanus-Stift)

Werk

Codex Cusanus 218, Bibliothek des St. Nikolaus Hospitals/Cusanusstift, Bernkastel-Kues

Codex Cusanus 220, 19v–20r, Bibliothek des St. Nikolaus Hospitals/Cusanusstift, Bernkastel-Kues

Insgesamt hat Cusanus über 50 Werke und fast 300 Predigtentwürfe hinterlassen. Vor allem seine Predigten geben einen Einblick in seine gedankliche Entwicklung sowie seine theologischen Ansichten.

Seine Schriften lassen sich insgesamt drei Themenbereichen zuordnen. Hierzu zählen zunächst  seine kirchen- und staatspolitischen Schriften, wie z. B. ‚De concordantia catholica‘ (1433/34), in der sich Nikolaus von Kues als Mitglied des Basler Konzils mit der Reform der Kirche und des Reiches auseinandersetzt und noch vor Lorenzo Valla die Unechtheit der konstantinischen Schenkung nachweist. Im Mittelpunkt stehen darin Prinzipien wie Repräsentanz und Konsens, der in einhelliger Eintracht zum Ausdruck kommt. Aber auch einige kleinere Werke wie z.B. die ‚Opuscula Bohemica‘ im Dialog mit den böhmischen Hussiten (1433 und 1452) oder die ‚Reformatio generalis‘ (1459), der Versuch einer Generalreform der Kirche, werden zu den kirchenpolitischen Schriften gerechnet.

Die meisten Werke des Cusanus haben jedoch einen philosophisch-theologischen Inhalt. Zu diesen zählt auch sein Hauptwerk ‚De docta ignorantia‘ (1440). In ihm nähert er sich im ersten Buch – in gelehrter Unwissenheit – dem dreieinigen Gott als dem absolut Größten, in dem alle Gegensätze ineins fallen (‚coincidentia oppositorum‘), um sich im zweiten Buch mit dem Universum als Abbild Gottes und als eingeschränkt Größtem zu beschäftigen. Diese Gedanken trugen mit dazu bei, das geozentrische Weltbild des Mittelalters zu überwinden. Das dritte Buch ist schließlich Jesus Christus gewidmet, der als Mittler Gott und die Welt verbindet. In seinen späteren Werken werden viele Themen nochmals vertieft, so z. B. die Suche nach dem verborgenen Gott, dem man sich nur mittels Mutmaßungen (‚De coniecturis‘, 1441/43) sowie in Gebet und Meditation nähern kann, auf dessen Gnade man aber letztlich angewiesen bleibt. (‚De Deo abscondito‘, ‚De quaerendo Deum‘, 1445/46, ‚De visione Dei‘, 1453). In seinen 1450 verfassten ‚Idiota‘-Dialogen (‚De sapientia‘, ‚De mente‘ und ‚De staticis experimentis‘) ist nicht der Gelehrte, sondern der ungebildete Laie (‚Idiota‘) der Repräsentant der Weisheit, der u. a. zu der Erkenntnis führt, dass der menschliche Geist ein Spiegel bzw. Abbild des göttlichen Geistes ist, der für die Erforschung der Natur mittels der praktischen Wissenschaften eintritt. Unter dem Einfluss der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 entwirft Nikolaus von Kues in ‚De pace fidei‘ eine Utopie, in der alle Religionen und Völker – unter Beibehaltung der verschiedensten Riten – im Evangelium die Kernaussagen ihrer jeweiligen Religion erkennen und anerkennen (‚una religio in rituum varietate‘). Unter den vielen späteren Traktaten, wie z. B. ‚De beryllo‘ (1458) ‚De non aliud‘ (1461/62) ‚De venatione sapientiae‘, ‚De ludo globi‘ (1462/63) oder ‚Compendium‘ (1463) ist schließlich noch die ‚Cribratio Alchorani‘ (1460/61) hervorzuheben, in der Cusanus die Muslime durch den Nachweis der christlichen Wurzeln des Korans von einer Konversion zum Christentum überzeugen will.

Eine dritte Gruppe bilden schließlich seine mathematischen Traktate, wie ‚De mathematicis complementis‘ (1453/54), in denen Nikolaus von Kues anhand geometrischer oder arithmetischer Beispiele, wie z. B. zur Quadratur des Kreises oder zur Infinitesimalrechnung, vor allem philosophisch-theologische Überlegungen verdeutlicht. Im weitesten Sinne gehört hierzu auch sein Entwurf zur Kalenderreform (1435), die erst im 16. Jahrhundert mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders obsolet wurde.